Ecuador: Einatmen, ausatmen .. den Cotopaxi besteigen

So wirklich begreifen, was es bedeutet an einem aktiven Vulkan hochzuklettern, kann man wahrscheinlich nie. Unter diesem losen Geröll des Cotopaxi, der unter unseren Füßen rutscht und über dessen Oberfläche Wolken in kleinen feinen Tröpfchen wehen, soll es im Inneren brodeln. Der Cotopaxi ist mit 5.897 m einer der höchsten und aktivsten Vulkane der Welt und der zweithöchste Berg Ecuadors. Und wir wollen da rauf.

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Die Spitze versteckt sich hinter den Wolken. Wildpferde grasen vor dem Cotopaxi.

Ein Ausbruch ist immer möglich
Im August 2015 brach er das letzte Mal aus. Tagelang schneite Asche über die Region rund um den Vulkan und bedeckte Häuser, Straßen und Autos mit feinem, grauen Staub. Die größte Gefahr bei einer Eruption geht jedoch vom Gletscher aus, der sich über die Spitze des Cotopaxi erstreckt. Sollte dieser bei einem Ausbruch blitzartig schmelzen, würde eine Schlammlawine innerhalb von 20 min die Stadt Latacunga, unser Ausgangsort für die Ausflüge in die Region, erreichen und auslöschen.

Gipfel oder nicht Gipfel – das ist hier die Frage
Ob Przemek und ich uns darüber Gedanken gemacht haben, dass ein Ausbruch jederzeit möglich ist? Ehrlich gesagt nicht wirklich. Stattdessen überlegten wir uns, wie wir bloß da hochkommen würden. Bei unserer heimatlichen Recherche hatten wir uns überlegt, dass wir diesen extrem hohen Vulkan doch mal besteigen könnten. Bis zur José-Ribas-Schutzhütte sind es vom Parkplatz aus nur etwas über einen Kilometer. Regelmäßig machen sich Abenteuerlustige mit einem Guide von dort aus noch weiter auf den Weg bis zur Spitze – und nur 50 % erreichen sie. Der Rest muss umkehren. Technisch gilt er als einfach, doch die Belastung durch die Höhe macht für viele den Aufstieg unmöglich. Es kommt nicht darauf an, wie durchtrainiert und fit man ist, sondern ob man die Höhe verträgt. Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit, Übelkeit und Schlaflosigkeit zwingen selbst Athleten in die Knie, wenn zuvor keine Langzeitakklimatisation erfolgte.

Wir fanden einen wirklich packenden Bericht (hier) eines jungen Mannes, der sich an diesem Unterfangen versuchte: „Ich spüre die Kälte in mich reinkriechen … Kopfweh und Müdigkeit quälen mich, … Schritt, Schritt, … warum mache ich das, … Schritt, Schritt, .. ich schaffe das, … Schritt, Schritt, .. ich kann nicht mehr …“. Als dann die Rede von „dreimaligem Übergeben und zweimaligem höhenkrankheitsbedingtem Durchfall“ war, bekam ich es dann doch mit der Angst zu tun. HÖHENKRANKHEITSBEDINGTER DURCHFALL?? Meine Augen wurden größer, als ich das las. Das wollte ich nicht! Und irgendwie sind Berge alleine ja schon nicht so meine Freunde. Ich bin ja felsenfest der Meinung, dass mein Körper dafür einfach nicht gebaut wurde. Punkt. Andere Wanderer stapfen regelmäßig mit mehr oder weniger straffen Waden an mir vorbei, während ich mühsam einen Fuß vor den anderen setze und mir in etwa die gleichen Worte wie dem Autor der Cotopaxi-Geschichte durch den Kopf gehen.

Ganz ehrlich und ganz heimlich: Ich war schon irgendwie erleichtert, als wir erfuhren, dass seit dem Ausbruch im vorletzten Jahr der Weg von der Schutzhütte bis zur Spitze gesperrt ist. Dann muss ich Przemek also auf halbem Weg nicht davon überzeugen, dass er alleine weiter gehen soll. „Lass mich zurück. Ich bin nur eine Bürde. Du musst es für uns beide schaffen!“ In Gedanken hatte ich schon eine Papp-Anke für das Gipfel-Selfie geplant. Also doch „nur“ bis zur Schutzhütte auf 4.864 m.

Auf der Ladefläche eines Pick-Ups durch den Cotopaxi Nationalpark
Ein kleines (geldsparendes) Abenteuer wollen wir trotzdem. Einfach an die Rezeption des Hostels gehen und für 45 $ eine Tour in den Cotopaxi National Park buchen, das kann jeder. Einfach in den Bus in Latacunga steigen, Richtung Quito fahren und sich irgendwo an der Straße in der Nähe des Eingangs zum Nationalpark raussetzen lassen – das machen ein paar weniger. Von der Straße aus stapfen wir über eine Wiese auf das Schild des Nationalparks zu und werden bereits von winkenden Ecuadorianern an einem Hüttchen in Empfang genommen. Ein Guide bietet gleich seine Dienste an und wir nehmen sein Angebot von 50 $ für beide (inkl. 10 $ pp für den Eintritt in den Park) schnell an. Ein wenig zu schnell – wir hätten bestimmt noch etwas verhandeln können. Wenigstens dürfen wir auf der Ladefläche seines Pick-Ups – und damit mit Panoramablick auf den Nationalpark – auf den Cotopaxi hochrumpeln.

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Die beste Art den Cotopaxi Nationalpark zu entdecken.

Der Staub steigt hinter uns auf und legt sich auf Kleidung, Kamera und in unsere Augen. Die Kameras hüpfen in unseren Händen, während wir versuchen aus der Fahrt heraus Fotos zu schießen. Der Hintern hebt etwas ab und dotzt wieder auf. Und während die Reifen immer mal wieder durchdrehen und unser Guide wild schaltet, damit der Wagen um die Kurven kommt, steigen wir bis auf 4.600 m. Wir erreichen den Parkplatz und steigen aus, um zur Schutzhütte hinaufzuklettern. Hier ist die Luft kälter und der Wind schärfer.

Schritt für Schritt, Atemzug um Atemzug
Mir kommen die Worte des Cotopaxi-Bergsteigers in den Sinn und ich fühle noch stärker mit ihm. Schritt für Schritt, … einatmen, ausatmen, … du schaffst das … mäh, ganz schön anstrengend … ich komme schon nach 10 Schritten außer Atmen … immer wieder rutsche ich auf dem Geröll … die Luft ist echt ganz schön dünn hier oben … endlich habe ich eine Ausrede, dass ich lahmarschig bin … warum ist Przemek bitte so schnell? … das ist gemein … Frauen haben immer so viel schwerer und leiden viel mehr unter der Höhe… okay, Pause … umdrehen, so tun, als ob ich den Ausblick genieße … in Wirklichkeit keuche ich ganz schön … durchatmen .. ah, schon viel besser .. weiter geht’s ….

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Steiler Aufstieg vom Parkplatz zur Schutzhütte. Eine Stunde hin, 15 min zurück.

Dann kommt der Wind dazu. Die Wolken schließen uns ein und pfeifen in nassen Tröpfchen über die Bergkante. Das Wasser perlt zuerst an unseren Softshells ab, dann zieht es langsam ein. Es wird klamm auf der Haut und die Hände werden taub. Die Haare werden feucht und kleben in meinem Gesicht.

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Der Aufstieg ist hart – doch es ist es wert!

Und dann haben wir es geschafft!

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Schutzhütte erreicht!

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Auf dem Rückweg klart es auf. Ein atemberaubender Ausblick!

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