Südkorea: Benimmregeln für einen Templestay im buddhistischen Jikjisa Temple

Nun sind bereits fünf Tage vergangen, seitdem meine Cousine und ich den Jikjisa Temple nach einer Nacht unter Mönchen verlassen haben. Doch ich tue mich nach wie vor schwer, diesen Beitrag zu verfassen. Wie soll ich beginnen und vor allem wie soll ich enden? Was ist mein Fazit aus der Erfahrung eines templestays in Südkorea? Und noch während ich diese Zeilen schreibe, bin ich mir nicht sicher, wie ich es fand. Doch ein Wort beschreibt diese Erfahrung wohl am besten: Authentisch. Und wann kann man das in der heutigen Zeit als Tourist noch sagen?

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Chucks sind äußerst unpraktisch bei einem Templestay.

Wir erreichten den Tempel gegen 15:00 Uhr zum Check-In. Vor dem Infobüro streiften wir umständlich unsere Chucks ab und ließen sie, wie man das nach koreanischer Manier macht, vor dem Büro stehen. Anfangs noch etwas unordentlich, später sauber nebeneinander aufgestellt. Es stellt sich schnell heraus, dass Chucks – vor allem die hohen – für einen solchen Tempelstay äußerst ungeeignet sind. Da sich das Leben dort zwischen separaten Gebäuden/Tempeln abspielt, muss man ständig aus seinen Schuhen rein- und rausschlüpfen und auf Socken eintreten. Also, legt eure schönsten Strümpfchen bereit.

Da die Dame im Infobüro kaum Englisch sprach, wurden wir vor den Computer gesetzt und erhielten unsere Einführung in die Tempel-Etikette per Video.

Über Chasu, Hapjang und Gongyang
Lustige animierte Männchen mit westlichem Aussehen demonstrierten uns wie man sich im Tempel verhält und trafen unser momentanes Empfinden ganz gut. Schüchtern zappelten sie herum, blickten sich verlegen um, kicherten und schienen sich in der Situation nicht richtig wohl zu fühlen. Nach der Einführung wirkten sie dagegen sehr gesetzt, trugen die orangene „Uniform“, die wir auch später erhielten, und wussten genau, was zu tun ist. Wir sahen uns an und hofften, dass es bei uns genauso sein würde. Zumindest hatten wir uns extra weiße T-Shirts besorgt, wie es in der Packliste in der Broschüre aufgeführt war. Jetzt konnte ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Ob Melissa gefragt wurde, ob sie schwarze Schuhe dabei hätte oder ob sie gerne welche hätte, wissen wir bis heute nicht.

Nach der Einführung wurden wir in unsere Unterkunft (Nr. 15) gebracht. Ein Gebäude mitten auf dem Tempelgelände, in direkter Nähe des Informationsbüros (Nr. 14), dem Eingang des Komplexes. Es wurde noch auf die Main Hall (Nr. 19) und die Kantine „downstairs“ von Gebäude Nr. 45 gezeigt und schon ließ man uns wieder alleine.

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Lageplan des Jikjisa Temple

Wir legten unseren orangenen Zweiteiler an und machten uns noch einmal mit der Tempel-Etikette vertraut, denn wir wollten ja alles richtig machen. Wollten durch unsere Unwissenheit den Mönchen nicht respektlos gegenübertreten, indem wir aus Versehen eine der wichtigen Regeln verletzten, nach denen sie ihr Leben ausrichten. Und natürlich wollten wir das auch alles ernst nehmen und so viel wie möglich aus dieser Erfahrung mitnehmen.

Hier nun erst einmal ein kurzer Überblick, über die wichtigsten Verhaltensregeln:

Chasu, die Ausgangsposition

Wenn man sich auf dem Tempelgelände bewegt oder steht, legt man die rechte über die linke Hand und hält diese auf Höhe des Bauchs/auf dem Bauch. Nicht nur, dass wir während unseres gesamten Templestays die linke auf der rechten Hand hatten, auch hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass sich die Mönche von uns gemobbt und verarscht fühlten, wenn wir so die erste Stunde möglichst andächtig über das Gelände schritten. Dabei waren da erst einmal gar keine Mönche. Nur Unmengen von koreanischen normalen Tempelbesuchern, welche sich diesen tagsüber anschauten. So viele Menschen und wir die einzigen Langnasen unter ihnen, die mit leuchtend orangener Kleidung und falsch herum gefalteten Händen langsam und möglichst ohne zu reden umher schritten. Denn das hatten sie im Video auch gesagt. Man solle so wenig wie möglich reden und beim Laufen die Füße so anheben, dass man kaum Geräusche macht. Und wie es damals schon so in der Schule bei mir war, musste ich natürlich lachen. Lachen, bis die Tränen kamen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Fühlte mich so fehl am Platz, dass meine Mundwinkel immer wieder nach oben zerrten und ich mir ständig das Wasser aus den Augen wischen musste. Ich kann euch gar nicht mehr genau sagen, wie es anfing. Doch es hörte erst dann auf, als ich in unsere Unterkunft flüchtete, um der Situation und den Menschen um uns herum zu entfliehen. Melissa schritt derweil höchst andächtig und vernünftig mit gefalteten Händen über das Gelände und ließ sich nur ab und zu von meinem Lachen anstecken.

Hapjang

Wann immer man einer Person, zumindest einem Mönch, im Tempel begegnet, soll man die Handflächen auf Höhe der Brust zusammenlegen (wie, wenn man in der Kirche betet, ohne die Finger ineinander zu verschränken) und mit geradem Rücken eine halbe Verbeugung machen. Dies ist eine Geste des Respekts, wenn man sich vor dem Gegenüber hinunterbeugt. Auch bevor man einen Tempel betritt verbeugt man sich am Eingang in Richtung Buddha.

In Korea ist es üblich sich mit einer leichten Verbeugung (ohne die zusammengelegten Hände) zu begrüßen und zu verabschieden. Mittlerweile geht mir das auch schon manchmal schon fast automatisch von der Hand, wenn sich mein Gegenüber z.B. bei der Verabschiedung im Geschäft leicht verbeugt. Doch hier auf dem Gelände und v.a. mit zusammengelegten Händen kam ich mir auch wieder albern vor und beließ ich es beim Zunicken. Wie war das mit ernst nehmen?

Gongyang, Mahlzeiten

In der Kantine des Tempels gab es einfaches Essen, welches ich nach drei warmen Mahlzeiten nicht mehr runter bekam. Irgendetwas in der Zubereitungsart wollte meinem europäischen Magen nicht so schmecken. Bereits morgens um 6:00 Uhr stand scharfes Kimchi, fermentierter Kohl, zur Auswahl bereit. Doch so ganz warm werde ich einfach nicht mit diesem Gericht, das es zu fast jeder Mahlzeit als Sidedish dazu gibt. Was mich und vor allem meinen Magen morgens jedoch etwas besänftigte, war warmer Reis, von welchem man ein Häufchen auf seinen Löffel packt, ein kleines rechteckiges Blatt Seetang (wie beim Sushi nur dünner und etwas salziger) drauflegt, mit den Stäbchen unter das Häufchen schiebt und es dann in den Mund bugsiert. Habe ich mir den koreanischen Tischnachbarn abgeguckt. Wie gut, dass ich schon jahrelang beim Asia-Imbiss aus Prinzip lieber zu Stäbchen als zu Besteck gegriffen habe. Das rettete mir jetzt bereits so einige Mahlzeiten. Okay, die Nudeln aus den Suppen klatschen mir immer noch ins Gesicht und hinterlassen Flecke auf Kleidung und Tisch. Aber sonst klappt es ganz gut. Wurde sogar schon von einem Koreaner gelobt.

Doch kommen wir zu den Essens-Ritualen zurück. Sobald man sich mit seinem Teller an den Tisch gesetzt hat, verbeugt man sich im Sitzen mit zusammengelegten Händen (siehe Hapjang) und murmelt einen Dank. „… I am ashamed to eat…. „ blieb uns hiervon noch im Kopf, als uns ein Mönch den Satz vorbetete. Entsprechend darf kein Essen vergeudetet und weggeschmissen werden, und was man sich auftut, muss man auch aufessen. Eigentlich eine schöne Regel, doch beim letzten Essen musste ich Melissa zu einem Deal überreden, damit auch ich meinen Teller leer bekam: Meine Kartoffeln, die ihr besser schmeckten als mir, gegen ihren Reis.

Wie wir uns während unseres Aufenthalts noch so durchfuchsten, wie man als völlig Ahnungsloser beim Beten eine hoffentlich gute Figur macht und ob das mit dem Aufstehen morgens um 3 Uhr geklappt hat, erfahrt ihr im nächsten Beitrag.

Bis dahin – immer schön eure Teller leer essen.


Standort Jikjisa Temple
weitere Infos zum Tempel findet ihr hier.

5 Gedanken zu “Südkorea: Benimmregeln für einen Templestay im buddhistischen Jikjisa Temple

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