Nordkorea

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Der Blick auf Nordkorea

„I want to kill Kim Jong-un and then kill myself“, übersetzt die Dolmetscherin. Im Gesicht der Überläuferin aus Nordkorea zeigt sich keine Regung. Nicht mehr und nicht weniger, als sie von ihrer Flucht über China erzählt. Oder darüber, dass es nur 20 Prozent der Gruppe geschafft hat. Sie weiß nicht mit Sicherheit, was mit den anderen an der Grenze zu Laos passiert ist. Als die anderen nicht rechtzeitig die Mauer überqueren konnten, bevor die chinesischen Soldaten kamen. Sie rannte. Aber vor ihrer Flucht haben alle eine Pille und eine Rasierklinge bekommen. Für den Fall, dass sie nicht entkommen. Sollte man sie erwischen, werden nicht nur sie, sondern auch ihre Familien exekutiert.

Vor uns steht eine Frau, die etwas von einer der hübschen Pilotinnen aus den 40er Jahren hat. Sie trägt einen roten Lippenstift und eine lange khakifarbene Jacke. Sie ist etwa mittleren Alters und ihre Züge wirken glatt. Wir kennen ihren Namen nicht. Dürfen keine Bilder von ihr machen, sie zumindest nicht ins Internet stellen. Denn in Nordkorea glaubt man, sie sei tot.

Fast ihr halbes Leben hat sie in der Navy in Nordkorea gedient, bis sie entlassen wurde, weil sie für ihre „girls“ eine Ziege besorgte, um diese vor dem Hungertod zu retten. Denn täglich starben 30 Soldatinnen auf ihrer Basis an Unterernährung. Als sie danach zurück in ihre Heimatstadt kam, hatte sie nichts. Kein Geld, kein Essen, keine Zukunft. Also begann sie auf dem „Open Market“, dem Schwarzmarkt Nordkoreas, mit Drogen zu handeln. Der Schwarzmarkt ist ein offenes Geheimnis. Ärzte schreiben ihren Patienten Medikamente auf, die sie dort besorgen sollen. Denn sie selbst haben keine Medizin für die Kranken. Keine Möglichkeit ihnen zu helfen. Doch es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis man sie erwischt hätte. Und dann wäre sie in einem Gefängnis gelandet. Für immer.

Während dieser Zeit sickerten immer wieder Informationen über die Außenwelt durch und erreichten sie. Koranisch sprechende Chinesen brachten CDs, Videoaufnahmen und Geschichten aus anderen Ländern. Heimlich schaute sie sich diese an. Wäre sie erwischt worden, wäre sie jetzt nicht hier.

Vielleicht war die USA doch nicht an allem Schuld, wie propagiert wurde. Scheinbar mussten die Menschen in Südkorea nicht betteln, hungern und sterben, wie man es ihnen versuchte glaubhaft zu machen. Ihre Ahnungen, die bereits in der Navy begannen, festigten sich. Das Bild, das man ihr über Nordkorea und den Rest der Welt eingebläut hatte, seitdem sie vier Monate alt war, bekam Risse. Ab diesem Alter werden Kinder in Tagesstätten einer Gehirnwäsche unterzogen. Von da an ist nicht mehr ihr Papa ihr Vater, sondern der „Dear Leader“. Sollten sie dies einmal vergessen, werden die Kinder und ihre Familien bestraft.

Ein System aus Angst sorgt dafür, dass sich Familienmitglieder und Nachbarn gegenseitig bei der Regierung anschwärzen. Daher konnte sie niemandem von ihren Fluchtplänen erzählen – nicht einmal ihrer Mutter. Mittlerweile haben sie wieder Kontakt. Über ein Telefon, dass ein Schmuggler der Mutter aus China bringt.

Wie weit dieses System geht, kann man sich als Außenstehender nicht vorstellen. Zum Tod des letzten Diktators Kim Jong-il wurde die Staatstrauer angeordnet. Die Nordkoreaner mussten zehn Minuten morgens und abends laut weinen; trauern, wie um einen geliebten Menschen, dessen Verlust man nicht verschmerzen kann. Diese Bilder lassen sich gut für Propaganda-Zwecke verwenden. Ein Volk, das um seinen Herrscher weint. Und sollte man dies nicht tun, konnte man sicher sein, dass das jemand die Regierung wissen lässt. Was bleibt einem also anderes übrig.

Sie sah keine Zukunft mehr für sich in Nordkorea. Also ließ sie sich nach China bringen – für Geld sei alles möglich – und traf dort auf einen Priester, der selbst ein Überläufer aus Nordkorea war. So fand sie einen Schmuggler, der sie über Laos und Kambodscha nach Südkorea brachte. Bei ihrer Ankunft wurde sie drei Monate geprüft, um sicherzugehen, dass sie keine Spionin sei. Daraufhin folgte drei Monate „education“. Jetzt besitzt sie einen südkoreanischen Pass.

Ein Jahr war sie auf der Flucht. Und ist es irgendwie noch immer, denn es besteht immer die Gefahr, dass Spione sie finden. Bereits einmal wurde sie in Südkorea bedroht. Doch sie hat die Regierung auf ihrer Seite. Ein Anruf genügt.

Sie ist sich der ständigen Gefahr bewusst. Doch sie sagt, dass die Welt erfahren muss, was in Nordkorea passiert. Sie erzählt ihre Geschichten für die Menschen in Nordkorea. Es sei das Einzige, was sie gerade tun kann.

Was der größte Schock für sie in Südkorea gewesen wäre, fragt jemand aus der Gruppe. Wir befinden uns gerade auf dem Weg in die Demilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea. Mittlerweile wurde die Präsentation geschlossen, ohne dass sie sie beenden konnte, denn immer wieder gehen Hände in die Höhe, um Fragen zu stellen. Gebannt lauschen wir den Worten der Dolmetscherin. Warten gespannt, bis die Tourleiterin unsere Frage für die Nordkoreanerin übersetzt und wir eine Antwort erhalten. Beobachten ihre Gestik, ihre Mimik und versuchen zu ahnen, was sie sagen könnte. „The biggest shock for her was that dogs eat meat in south korea “, übersetzt die Tourleiterin. In ihrem Heimatland müssen die Menschen hungern, sterben. Stehen in Schlangen, um wenigstens Reis und Fleisch zu bekommen. Müssen kilometerweit laufen, denn einen Pass für den Bus könne man erst ab 15 km Weg erhalten. Und selbst das sei schwer. Dass hier so viel Licht sei, antwortet sie. In Nordkorea wäre alles so dunkel. Und dass warmes und kaltes Wasser einfach aus dem Wasserhahn kommt. Doch trotzdem vermisst sie ihr Homeland. Nicht die Regierung. Aber ihre Heimat.

Die größten Probleme in Nordkorea seien das Gesundheits- und Bildungssystem. Es gäbe zwar Ärzte und Krankenhäuser, aber keine Medikamente. Jetzt wurde eine neues Vorzeige-Krankenhaus gebaut. Doch das sei nur für hohe Regierungsmitarbeiter. Schulpflicht bestehe nicht. Die Lehrer hätten Angst zu unterrichten. Viele Nordkoreaner, die fliehen konnten, können noch nicht einmal ihren Namen schreiben.

„How did you daily life look like in the navy“, frage ich. Immer hartes Training antwortet sie. Und fügt hinzu, dass sie es bereut, 20 Jahre mit der Navy verheiratet gewesen zu sein. „Lots of regrets“ fügt die sonst aufgedrehte Tourleiterin hinzu und lächelt traurig. Wie es ihr in Südkorea jetzt ergeht, fragt jemand. Durch ihre Erfahrungen bei der Navy kann sie jetzt für das südkoreanische Militär arbeiten und hat damit mehr als Glück als viele andere Überläufer. Es ist hart, so viel Geld aufzubringen, dass sie ihre Mutter in Nordkorea unterstützen kann. Sie möchte nicht, dass ihre Mutter ebenfalls flüchtet. Zu groß seien die Gefahren.

„But I’m happy now“ sagt sie und lächelt. Das einzige Lächeln, seit ihren Erzählungen. Wir möchten es ihr glauben, wünschen es ihr und müssen ebenfalls lächeln.

Auf dem Weg zurück ist es still im Bus. Entweder schläft man oder hängt seinen Gedanken nach. Ich schaue es dem Fenster und verfolge mit den Augen den Zaun, der seit des Verlassens der Demilitarisierten Zone zwischen uns und dem Fluß liegt. Stacheldraht am oberen Ende verhindert, dass man hinüber klettern kann. Immer wieder geraten militärische Aussichtspunkte und Barrikaden in mein Blickfeld, die in regelmäßigen Abständen am Zaun platziert sind. Die Häuser vor uns, die Anfänge von Seoul, kommen langsam näher. Es ist wolkenverhangen und vor den Bergen hinter uns liegt ein bläulicher Schleier. Ob einer von ihnen noch zu Nordkorea gehört? Ich kann es nicht sagen.

So langsam sickern die Geschichten zu mir durch, die ich heute gehört habe. Dieser Zaun macht es mir noch einmal bewusster. Während wir in der Demilitarisierte Zone an verschiedenen Stationen Halt machten wirkte alles so unbefangen. Unter anderem stoppten wir in Imjingak und am Dorasan-Bahnhof, der darauf wartet, dass Züge von Seoul über Pjöngjang (Nordkorea) bis Paris fahren. Der Zeitpunkt steht nach der zurückgezogenen Zusage Nordkoreas wohl in den Sternen. Wir sahen kaum Soldaten, nur Touristen, die aus Bussen klettern. Als wir nur durch einen Fluss von Nordkorea getrennt durch Ferngläser Menschen auf den Feldern sahen, konnte man sich nicht vorstellen, dass diese Arbeiter nur wenige Schwimmzüge von Südkorea entfernt sind, genauso gut jedoch ein Meer zwischen ihnen und uns liegen könnte. Im Dorosan-Oberservatorium, wo der dritten von vier Infiltrationstunneln, die von den Nordkoreanern gegraben wurden, um innerhalb weniger Stunden tausende Soldaten über die Grenze zu bringen und Südkorea zu attackieren, entdeckt wurde, herrschte Gelächter und Ausgelassenheit, wenn man sich an den niedrigen Wänden den Kopf stieß. Die Bedeutung dieses Tunnels ist schwer zu realisieren. Auch wenn man durchläuft.

Doch dieser Ausblick aus dem Bus heraus symbolisiert die Geschichte schon ziemlich gut. Die Grenze zwischen den beiden Teilen Koreas ist nach wie vor da. Kurz vor Seoul sind einige Zäune mit grünem Efeu bewachsen. Sie wirkten wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Doch direkt daneben entdecke ich Soldaten auf einem Dach. Neben ihnen Geschütze. Der kalte Krieg ist real.

Dann biegen wir ab und der Zaun verschwindet hinter Häusern und somit aus meinem Blickfeld.

 


 

Tour in die Demilitarisierte Zone (DMZ) mit nordkoreanischem Überläufer
Panmunjom Travel Center

Touren finden Dienstag bis Freitag statt. Buchung mindestens drei Tage im Voraus. Besser jedoch früher oder über die Website, da viele Touren bereits ausgebucht waren.

Vor Ort: Die Agentur ist umgezogen und befindet sich jetzt beim Koreana Hotel (Google Maps | U-Bahn-Station: City Hall). Der Eingang befindet sich rechts vom Eingang des Hotels, zwischen zwei Cafés, im 9. Stock des Gebäudes.

Passport bei der Buchung und bei der Tour mitnehmen!
Konservativen Kleidungsstil für die Tour wählen (weitere Informationen bei der Buchung)

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