Tasmanien: Dark Tourism in Port Arthur

Bisher hatten wir es leider nicht geschafft uns zu bilden. Ich wollte eigentlich gerne mehr über die Aborigines, ihr früheres Leben im Einklang mit der Natur, ihre Traumpfade und auch über die Vertreibung und Verfolgung durch die weißen Siedler erfahren. Schließlich ist das ein Teil der Geschichte Australiens.

Bevor ich überhaupt genau wusste, wo dieser raue, rote Kontinent überhaupt liegt, habe ich bereits Australien-Romane über Aborigines aber auch Sträflinge verschlungen. Ein Buch aus meiner Jugend, an das ich mich bis heute sehr gut erinnere, handelt von einem 14-jährigen Mädchen, Abby Lynn, aus England. Aus Hunger und Armut stiehlt sie Brot, wird dabei erwischt und zu sieben Jahre Zwangsarbeit nach Australien verurteilt. Dort verbringt sie ihre Strafe, muss hart arbeiten und lernt dabei (natürlich) einen jungen, freien Siedler kennen. Sie verlieben sich und heiraten. Ein bisschen Löve muss in dieser Geschichte natürlich sein. In den vier weiteren Buchbänden muss das Paar dramatische Schicksalsschläge überstehen. Eine fiktive Geschichte, doch mit wahren Hintergründen.

Menschen, die stahlen, um nicht zu verhungern, wurden für 5, 10, 20 Jahre oder ihr Leben lang ans andere Ende der Welt deportiert. Natürlich wurden sie ebenfalls für Mord, Bigamie, Raub und andere Verbrechen verurteilt. Doch die Höhe der Strafen waren willkürlich, die Schicksale hart. Nicht selten starben die Sträflinge auf der monatelange Fahrt, eingepfercht in einem Schiffsrumpf. Wenn sie es schafften lebend das unbekannte Land zu erreichen, warteten Jahre der harten Schufterei in Ketten unter sengender Sonne, unfaire Behandlungen und Gefahren auf sie. Wer als männlicher Deportierter abermals straffällig wurde, kam nach Port Arthur auf Tasmanien.

Das dunkle Kapitel Tasmaniens

Menschen reisen aus unterschiedlichen Gründen an Orte, an denen nicht Freude und das positive Erlebnis im Vordergrund stehen, sondern dunkle, negative Geschehnisse wie Mord, Tod, Gewalt oder Angst. Sie kommen um sich zu bilden, sich zu gruseln oder sind im negativsten Fall einfach nur Schaulustige, die sich am Leid anderer zu ergötzen. Sie betreiben keinen fröhlichen Urlaubstourismus, sondern Dark Tourism. Doch diese Orte gehören zur Geschichte der Menschheit, zur Geschichte eines Landes und eines Ortes. Auch wenn es so schöne Orte wie Tasmanien sind …

Zunächst als Strafkolonie zur Produktion von Sägeholz gegründet, wurde Port Arthur ab 1853 als Strafgefangenenlager für Wiederholungstäter genutzt. Hier sollten die besonders Uneinsichtigen mit „Disziplin und Bestrafung, religiöse und moralische Instruktionen, Klassifikationen und Abschottung, Training und Erziehung“ zu ehrbaren Männern gemacht werden (Broschüre Port Arthur).

Gleichzeitig lebten Angehörige des Militärs, freie Siedler und ihre Familien in diesem riesigen Komplex von Gebäuden, doch ihr Leben schien abseits der ständigen Präsenz der gefährlichen Sträflinge schon fast angenehm. In ausladenden Gärten konnten die Frauen das sich in der Nähe abspielende Elend vergessen, Regattas, Partys und literarische Abende gehörten zum täglichen Zeitvertreib. Um 1840 lebten 2.000 Gefangene, Soldaten und zivile Angestellte in Port Arthur.

Nachdem 1853 die Deportationen von England nach Van Diemens Land (heute Tasmanien) eingestellt wurden, wurde Port Arthur anderweitig weitergenutzt. Gebäude, in denen früher Militärangehörige und Ärzte wohnten, wurden als Wohnungen, Hotels oder Postämter genutzt und kurzzeitig wurde die kleine Stadt Port Arthur in Carnarvon umbenannt, um das dunkle Kapitel aus den Köpfen der Menschen verschwinden zu lassen. Dieser Name setzte sich jedoch nie durch und irgendwann wurde Port Arthur zur Gedenkstätte und Museum. Heute können Besucher für 37 $ (~ 25 €) an zwei aufeinanderfolgenden Tagen die Stätte inkl. Gebäude, Führungen und einer Bootsfahrt besichtigen. Und Zeit sollte man mitbringen, um so gut wie möglich in die Geschichte einzutauchen.

Wir erreichten Port Arthur relativ spät, doch gerade noch rechtzeitig zur letzten Führung. Bei goldenem Abendlicht leitete uns unser Guide über das riesige Gelände und führte uns in das Geschichte des Strafgefangenenlagers auf Tasmanien ein. Da wir erst spät nach Port Arthur kamen, waren die meisten Gebäude bereits geschlossen. Also schlenderten wir nach der Einführung durch die jederzeit begehbaren Gebäude bzw. das, was von ihnen nach verheerenden Buschbränden übrig geblieben war.

Isolation als Strafe

Lediglich das Isolationsgefängnis erreichten wir noch vor der Schließung und durch die wenigen verbliebenen Besucher konnten wir es ungestört auf uns wirken lassen. Wie es auch heute noch praktiziert wird, wurden Sträflinge, die Regeln brachen oder versuchten zu fliegen, in Isolationshaft gesperrt. Port Arthur galt als eines der modernsten Gefängnisse seiner Zeit.

Im Isolationstrakt durfte nicht mit den Gefangenen gesprochen werden und sie verbrachten ihre Zeit in Einzelzellen. Um einen Eindruck der herrschenden Stille zu bekommen, werden auch die Besucher angehalten nichts während der Besichtigung nichts zu sagen. Automatisch lauscht man auf die Schritte der Anderen, erschrickt bei der laut quietschenden, künstlich vertonten Tür und möchte sich gar nicht vorstellen wie es wäre, wenn jetzt die Tür einer Zelle hinter einem zugehen würde.

Doch lieber dem Schlurfen der imaginären Wächter lauschen und den inbrünstigen Gebeten des Pfarrers folgen, als eingesperrt in einer noch isolierteren Isolationszelle in Stille und Dunkelheit zu sitzen. Langsam schaute ich um die Ecke in den kleinen, dunklen Raum, in den nur ein schmaler Lichtstrahl durch die geöffnete Tür fiel. Kein Geräusch kam durch die Wände und man war sehr froh, dieser Zelle schnell wieder entfliehen zu können. Nur wenige Sekunden in diesem Raum und man konnte sich sehr gut die Qualen vorstellen, die ein Sträfling dort erlitten haben musste. Allein durch Stille und Dunkelheit. Den Aufzeichnungen zufolge, machte dies jedoch niemanden verrückt. Doch warum wurde in den folgenden Jahren dann ein Asylum nur wenige Meter entfernt erbaut?

Bessere Bedingungen durch harte Arbeit – wenn man kein Pech hatte

Wer hart arbeitete und gehorsam war, bekam eine „Beförderung“. Anstatt Holz in den Wäldern zu hacken, Steine zu schleppen und in den Minen nach Kohle zu schürfen, wurden den Sträflingen körperlich leichtere Aufgaben zugewiesen. Sie wurden beispielsweise in der Verwaltung, Logistik und im Haushalt der Militärangehörigen eingesetzt. Oder wer bereits etwas Nützliches konnte, hatte ein leichteres Leben. Hier stand Eigennutzen der Verwaltung vor dem eigentlichen Strafmaß. Doch anders herum ging es natürlich auch. Wer Pech hatte in seinem früheren Leben das „falsche“ (heißt für die Verwaltung nicht nutzbaren) Beruf erlernt zu haben, konnte sich so gut benehmen wie er wollte – er entkam der harten Arbeit nicht. Man hatte keine Verwendung für ihn. Das Leben und die Strafen der Gefangenen waren vor allem in der Anfangszeit der Strafgefangenenlagers der Willkür der Wächter unterlegen.

Verliebt in Kommandant Charles O’Hara Booth

Bis Kommandant Charles O’Hara Booth kam und von 1833 bis 1839 das Kommando übernahm. Man sagt, dass die Sträflinge ihn aufgrund seiner für alle gültigen Richtlinien respektierten. Auch heute scheint er noch der Liebling in Port Arthur zu sein. Vor allem sein Gerechtigkeitssinn und seine Fairness werden bei den Führungen stark herausgestellt. Man hat ein bisschen das Gefühl, als würde man sich mit Kommandant Booth etwas rühmen wollen, das Geschehene etwas menschlicher gestalten wollen.

Die Gästeführerin in der Villa des Kommandanten schien jedenfalls für ihn schon fast zu schwärmen. Beinah liebevoll erzählte sie von der Bodenständigkeit und Genügsamkeit des damaligen Bachelors und der Heirat mit einer angesehenen Dame der Gesellschaft, welche für ihn die Privilegien der Stadt und ihr früheres, angenehmes Leben zurückließ. Ihm in die abgeschiedene Wildnis folgte, die man nur über den Hafen mit einem Schiff erreichen konnte. Das musste wahrhaftig ein toller Mann gewesen sein.

Beinah insgesamt 5 Stunden schleifte ich Chris über das Gelände. Dafür kann ich behaupten, dass ich sicherlich 98 % aller Schilder gelesen habe. Doch so ganz konnte ich den Schrecken der vergangenen Tage nicht fassen, obwohl der Nieselregen und die dunklen Wolken des zweiten Besichtigungstages schon eher eine düstere Atmosphäre aufkommen ließen.

Ich weiß nicht, ob es an meinen Erwartung lag oder an der Aufbereitung der Geschichte Port Arthurs, doch mir kam es vor, als würde Leben der Zivilisten und Militärangehörige mehr in den Fokus gerückt werden als das Leben der Strafgefangene. Doch für diejenigen, die mehr über die Zeit der Deportation und das Leben damals erfahren möchte, lohnt sich ein Besuch auf jeden Fall.

2 Gedanken zu “Tasmanien: Dark Tourism in Port Arthur

  1. Als ich vor einigen Jahren dort war ist es meiner Frau Renate und mir genau so ergangen. Wir waren wieder einmal geschockt, wie Menschen mit Menschen umgehen können. Besonders hat uns erschüttert, dass es in England genügte arm zu sein, eine Kleinigkeit zu stehlen, um so hier zu landen.

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