Singapur: Was Stäbchen in einer Dose mit der Zukunft zu tun haben

Es ist Sonntagmorgen und mein Vater und ich schlendern außerhalb der touristischen Pfade die Straßen entlang und sehen das echte Singapurer Stadtleben.

Wir treffen nicht weit von Little India auf einen Platz voller Marktstände. Wir entdecken getrocknete Kräuter und Blüten, Tees, Handtücher und die bekannte rote Dekoration wie in Chinatown. Auch zwei offene Altare, für ein kurzes Gebet zwischendurch fehlt nicht.

Nach einigen Metern ändert sich das Bild des Marktes und nach und nach ersetzen Stände mit Blumen und Räucherstäbchen die Haushaltsartikel. Nur wenige Schritte weiter dominiert dieses Angebot und wir finden uns vor einem Tempel wieder: dem Kwan Im Thong Hood Cho Temple, in welchen die Singapurer die Göttin der Gnade Kuan Yin ihre Ehrerbietung erweisen und um Rat bitten.

Der Tempel Kwan Im Thong Cho ist für viele lokale Gläubige eine sehr beliebte und bekannte Anlaufstelle und Mittelpunkt der religiösen Aktivitäten zwischen den Stadtteilen Waterlooh und Bugis Street. Tausende erscheinen hier jeden Tag um um den Segen der Göttin zu bitten und ihre Fragen beantwortet zu finden.Die feierlichste Zeit ist der Abend des Chinese New Year, wenn die Straßen gefüllt und die Göttin um einen verheißungsvollen Start in das neue Jahr bitten. Der Tempel bleibt an diesem besonderen Abend die ganze Nacht geöffnet.

Mein Vater und ich beobachten die Menschen, die mit geschlossenen Augen oder nach oben gerichtetem Blick, mit Räucherstäbchen in den Händen leise ihre Gebete murmeln. Von drinnen erklingt ein beständiges Rasseln und die Luft ist erfüllt mit dem süßen Duft der Räucherstäbchen. Da tritt ein älterer, kleinerer Mann auf uns zu und führt uns in seinen Glauben ein.

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Seit 20 Jahren kommt er jeden Sonntag zu diesem Tempel und betet. Er lädt uns ein ihm zu folgen und leitet uns in das Gebäude. Wir schlängeln uns durch die Menschenmenge am Eingang des Tempels, der Rauch der Stäbchen wabert in der Luft. Im Gebäude ist ein großer, roter Teppich ausgelegt, auf welchem die Betenden knien. Nun erkenne ich auch, woher das Rasseln kommt. Einige von ihnen halten eine zylindrische Dose, in welchen Stäbchen, die mich an Essstäbchen erinnern, hin und her geschüttelt werden. Leise und langsam schreiten wir am Teppich entlang und ich kann auf den Altar sehen. Dort findet sich eine goldene Figur – das muss die Göttin Kuan Yin sein. Die Menschen bringen ihr die gerade draußen gekauften Blumen.

Auf einmal tippt mir mein Vater auf die Schulter. Der ältere Mann war wieder da und deutet uns ihm zu folgen.Er möchte uns die Bedeutung der geschüttelten Stäbchen erklären. Ich war ganz hin und weg von dieser Geste und bedankte mich immer wieder bei ihm.

Wie bereits erwähnt, kommen die Singapurer nicht nur zum Beten in den Tempel, sondern auch um zu wissen, was die Zukunft/Schicksal bringt. Hierfür können sich die Betenden im Tempel eine dieser zylindrischen Dosen mit Schicksals-Stäbchen holen. Auf jedem dieser Stäbchen steht eine chinesische Nummer. Jedes Stäbchen steht für eine Antwort. Nun kniet der Gläubige vor dem Altar auf dem roten Teppich nieder und wiederholt immer wieder seine Frage, auf welche er eine Antwort erhalten möchte. Dabei schüttelt er die Dose so lange leicht schräg, bis ein Stäbchen hinausfällt. Fallen mehrere hinaus, müssen diese wieder hineingesteckt werden und es wird erneut geschüttelt.

Liegt  nun nur ein Stäbchen auf dem Boden, holt sich der Betende einen der hundert Orakel, welcher mit der Nummer auf dem Stäbchen übereinstimmt. Auf diesem Stück Papier steht die Antwort auf seine Frage. Um die Gültigkeit / Bestätigung dieses Orakels zu prüfen, wirft er zwei sogenannte „jiaobei blocks„. Hierbei handelt es sich um zwei rote, wie ein Halbmond oder Cashew-Kern geformte Holzstücke, deren eine Seite glatt und die andere gewölbt/rund ist. Um eine Bestätigung des Orakels zu erhalten, muss eine glatte und eine runde Seite nach oben zeigen. Das Orakel ist nicht gültig, wenn beide runde Seiten nach oben zeigen.

Sollten beide glatten Seiten nach oben zeigen, so gibt es die Möglichkeit für den Betenden die jiaobei blocks ein weiteres Mal zu werfen, bis er eine Antwort erhält. Manche Legenden sagen aber auch, dass die Götter in dem Fall über den Fragenden lachen.

Der kleine Mann übergab uns ein solches Orakel mit einer guten Interpretation gemeinsam mit zwei kleinen gefalteten Glücksbringern, welche meinen Vater und mich auf unseren Reisen beschützen soll.

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Oracle No. 13
Being born in a rich home, one becomes accustomed to luxury. The Ruler bestows one with power. The whole universe acclaim your virtue.
Interpration: Good
The prisoner is free. Sickness curied. Having reached the Dragongate, one’s name becomes famous.

Zusammen mit der Mandarine, den guten Vorhersagen für mich als Schlange und nun mit dem Glücksbringer kann die anstehende Reise in Australien und eigentlich das ganze Jahr nur gut werden.

2 Gedanken zu “Singapur: Was Stäbchen in einer Dose mit der Zukunft zu tun haben

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