Portugal: Supermarkt- und Verkehrsmitteltourismus

Wenn ich reise, versuche ich so viel wie möglich über Alltag der in meinem Reiseland lebenden Menschen zu erfahren und ich stelle mir die Frage: Wie ist das so hier zu leben? Und wie kann man das am besten erfahren? Man durchstöbert ihre Supermärkte und fährt mit ihren öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Supermarkt- und Verkehrsmitteltourismus ist geboren und Angi und ich betreiben ihn ausgiebig!

Filipe erzählte uns vom Fisch Bacalhau, auf Englisch codfish. Lange Zeit fragten Angi und ich uns, was das für ein mysteriöser Fisch sein könnten, den die Portugiesen in allen möglichen Variationen zubereiteten. Im Gratin, in der Dose, im Ofen, im Auflauf, in der Suppe und gebraten. Und das sind nur die Zubereitungsarten, die wir probiert hatten. Und allen voran gesalzen und getrocknet!! Schichtweise stapeln sie sich harte halbe codfishs in den Regalen der Supermärkte. Ich dachte, dass es sich dabei um einen für mich völlig unbekannten Fisch. Als wir dann nachschlugen stellte sich heraus, dass es um einen Kabeljau oder Dorsch handelte.

Allgemein sind die Portugiesen, jedenfalls in den Regionen in denen wir waren, völlig begeistert von Meeresfrüchten und in den Tiefkühltruhen und den frischen Fischauslagen tummeln sich nun tot alle möglichen Fische, wie auch Garnelen, Calamari und Muscheln. Leider durchzieht diese Supermärkte aufgrund der frischen Auslage stets ein (für mich) übler Fischgeruch, an den ich mich wohl nie gewöhnen werde. Deshalb betreibe ich Supermarkttourismus am liebsten so weit wie möglich von den Auslagen weg.

Natürlich machten wir uns gleich nach der Entdeckung der Tomatenmarmelade im nächsten Supermarkt auf die Suche. Und tatsächlich, Filipe hatte nicht gelogen und man fand sie in (fast) jedem Supermarkt. Das konnten wir uns einfach nicht vorstellen, ohne es mit eigenen Augen gesehen zu haben.

Wie bereits gesagt, betreiben wir nicht nur aktiv Supermarkttourismus, sondern auch den nun allerseits bekannten Verkehrsmitteltourismus. Von Anfang an sehr souverän hangelten wir uns durch das tatsächlich sehr übersichtliche Metronetz Lissabons, fuhren Bus und Straßenbahn (leider irgendwie nie die super süßen kleinen Trams, für die Lissabon bekannt war), Fähre und ganz wichtig – Zug über die Brücke!

Wie bereits erwähnt, liegt Lissabon am Fluss Tejo. Auch von der roten, hohen Brücke, unter der wir „wohnen“, habe ich bereits erzählt. Nachdem wir also bereits einen Tag lang die eine Seite Lissabons erkundete hatten, wollten wir uns auch die Sehenswürdigkeiten der anderen Seite des Flusses anschauen. Also schnappten wir uns nach einem ausgiebigen Frühstück am Fluss ganz souverän die Fähre. Wer sich übrigens fragt, ob ich es ironisch meine, wenn ich von Souveränität spreche, dem lasse gesagt sein: Nein. Wir sind wirklich gut im Verkehrsmitteltourismus! Hier kann man Intuition sprechen und wir haben ja schließlich Tourismus studiert. Da kann man das auch mal erwarten.

Auf der anderen Seite von Lissabon steht auf einem riesigen „Podest“ ein riesiger Cristo Reí (also der Christen-König – also Jesus Christus), der dem in Rio de Janeiro nachempfunden wurde. Von dieser Anhöhe aus, hat man einen wirklich umwerfenden Blick, auf die rote Brücke. Auch für sie wurde sich die Inspiration aus einem anderen Land geholt – von der Golden Gate Bridge in San Francisco. Da stehen wir also, mit Brasilien im Rücken und blicken auf die USA und fragen uns – warum haben wir noch nie was davon gehört? Und: Die Portugiesen machen ja ganz schön viel nach…

Überhaupt wussten wir nicht viel über Portugal. Wir hätten die Portugiesen eher in Richtung spanisches Temperament eingeordnet. Alles ein bisschen gemäß der Mentalität: Komm ich jetzt nicht, komm ich in zwei Stunden. Alles ein bisschen lauter als wir es gewohnt sind. Alle ein bisschen offener. Doch in Wirklichkeit, sind sie eher so wie wir Deutschen. Meines Empfindens nach, kamen Busse und Bahnen pünktlich, Filipe kam pünktlich, in Bahnen wurde nicht viel und nicht laut gesprochen und auch ihre Arbeitsweise wirkte auf den ersten Blick strukturiert. Man hörte in Lissabon kein Geschrei aus Bars oder Läden, welches auf mehr Menschen schließen ließ, als eigentlich da waren.

Wie wenig generell über Portugal bekannt ist, zeigt eine Karte Europas, von der Filipe uns erzählte, auf welcher auf Basis einer Studie die häufigsten Assoziationen zu einem Land aufgezeigt wurden. Bei Portugal stand „Spain`s butt“, also Spaniens Hintern. Nun gut. Da ist natürlich verständlich, dass der eine oder andere Portugiese vielleicht nicht ganz so gut auf die Spanier zu sprechen ist. Filipe sprach von der Ignoranz der Spanier, nach Portugal zu kommen und einfach mit ihrer Muttersprache auf Portugiesen zuzugehen und zu erwarten, dass diese sie verstehen. Das sei wohl auch eigentlich der Fall. Dementsprechend erwartet unser Couchsurfing Host auch, dass die Spanier ihn verstehen, wenn er portugiesisch spricht. Und das tun sie nicht. Da spielen auch historische Konflikte mit hinein.

Kommen wir nun zurück zu erfreulicheren Themen: Dem Verkehrstourismus. Nachdem wir uns ausgiebig an Brücke und Statue sattgesehen hatten, entschieden wir, dass wir unbedingt einmal über die Brücke rüber wollten. Da es jedoch keinen Fußgängerweg über die mehr als 3,2 lange Brücke gibt und wir kein eigenes Auto hatten, wollten wir mit dem Zug drüber. Anstatt also innerhalb von 15 Minuten mit der Fähre wieder auf die anderen Seite der Stadt zu überzusetzen, machten wir einen Umweg von gut zwei Stunden und freiwillige 6 km Fußweg, nur um über diese rote Brücke zu fahren und die Stadt von einer Seite aus zu erkunden. Und dann kam der Aufstieg zum Castelo de São Jorge.

Nach einer Stunde entlang der belebten Straßen laufen erwartete uns auf dem Berg ein eigenes, ruhiges und in sich geschlossenen Viertel. Hier drehten sich die Uhren auf einmal langsamer und wir bereiten uns ein kleines Picknick mit Müsliriegeln auf einer Plattform, von der aus wir dorthin blicken konnten, wo wir Mittags unter dem Jesus standen. Filipe hatte uns bereits vorgewarnt, dass man ohne Eintritt zu bezahlen nicht die Burg betreten konnte, doch wir hofften so sehr, dass wir es uns wenigstens auf der Sonnenseite während des Sonnenuntergangs gemütlich machen konnten und Angi ihren kleinen Wein aus dem Tetrapack, den wir während unserer letzten Supermarkttour gefunden hatten, genießen konnten.

Leider kamen wir jedoch nicht auf diese Seite, denn sie war geschickt im Gebiet der Burg aufgenommen worden und 8,50 € für war uns einen Sonneruntergang und dieses Castelo zu teuer. Also trugen wir uns und den kleinen Tetrapackwein wieder den Berg hinunter und noch 6 weitere Tage lang ergab sich einfach nicht der richtige Moment für diesen kleinen Wein, bis Angi ihn letztendlich doch wegschmeißen musste, da unsere Reisetasche zu schwer geworden war und wir Gewicht sparen mussten. Wir hatten einfach zu viele Tomaten- und Kürbismarmeladen gekauft.

Abends hatte Filipe für uns gekocht. Natürlich durfte kein Appetizer fehlen, hier in Form von der Wurst Chouriço, dem portugiesischen Pendant der spanischen Chorizo, Käse, Tomaten- und Kürbismarmelade und Brot. Als Hauptgericht kredenzte er uns Cordfish (wie könnte es anders sein 😉 ) mit mashed potatoes, übersetzt Stampfkartoffeln, also eigentlich Kartoffelbrei. Doch es waren nicht die uns bekannten mashed potatoes. Er hatte uns zuvor bereits erzählt, dass man die ganze gegarte Kartoffel auf den Teller legt und mit der Faust draufhaut, sodass sie aufplatzt. Beim ersten Versuch wollte mir die Kartoffel beinah über den Tellerrand abhauen.

Er ließ uns ebenfalls ovos moles de Aveiro probieren. Praktisch als Vorgeschmack (Achtung, Wortwitz!) auf unseren Besuch in Aveiro, dem sogenannten „Venedig von Portugal“. Eher gewöhnungsbedürftig, doch nach ein paar Mal soll es wohl tatsächlich gut schmecken, das kann ich mir aktuell nicht wirklich vorstellen. Hauptbestandteil der ovos moles ist nämlich Eigelb mit Zucker, was erhitzt wird und dann in Obladen in Muschelnform gefüllt wird.

Man sieht, Portugal hat so viel zu bieten, was man einfach nicht kennt! Also auf zu Spaniens Hintern!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s