Portugal: Verliebt in ein süßes Stückchen

Am nächsten Morgen erwachten wir in Lissabon unter der Brücke auf … okay, das war jetzt tatsächlich etwas dramatisch eingeleitet, doch irgendwie stimmt es schon. Etwas klarer ausgedrückt geht das so:

Ein Tag nach unserer Ankunft in Lissabon erwachten Angi und ich im Wohnzimmer unseres Couchsurfing Hosts Filipe, dessen Wohnung unter einer großen, roten Brücke liegt. Sie führt über den Fluss Tejo. Jeden Morgen, nachdem wir um halb 9 mit Filipe das Haus verlassen, geht unser Blick hoch zur Brücke, wie sie irgendwie surreal über unseren Köpfen entlangläuft. Dann besorgen wir uns entweder Frühstück im Supermarkt oder bei einem Bäcker und Frühstücken im Park oder am Meer und genießen die Sonne.

Wir folgten der Route, die uns Filipe gestern bei einer schnellen nächtlichen Sightseeingtour mit dem Auto gezeigt hatte. Da er uns ja leider nicht tagsüber in der Stadt herumführen konnte, wollte er uns mindestens noch schnell einen kurzen Überblick verschaffen, was wir uns am nächsten Tag anschauen könnten. Also fuhren wir mit dem Zug in das Nachbarstadtteil Belém (sprich: Bley) ließen das Kloster Mosteiro dos Jerónimos, das eigentlich mehr wie ein Palast aussah, das Monument Padrão dos Descobrimentos, welches den portugiesischen Entdeckern gewidmet ist und den Torre de Belém, einem kleinem Turm im Fluss, auf uns wirken und verliebten uns in ein süßes Gebäckteilchen.

Sein Name ist Pastel de Belém (sprich: Pestäi de Bley). Er trägt ein Mäntelchen aus Blätterteig, knusprig und kross, dieses Mäntelchen ist gefüllt mit einer Puddingcreme, wird mit Zimt und Puderzucker bestäubt, warm serviert und in einer Verpackung gereicht, die so hübsch anzusehen war, dass Angi es nicht über das Herz brachte sie wegzuschmeißen. Einfach köstlich! Seit 1837 bezaubert die Pastelaria Casa Pastéis de Belém die Kunden mit einem Geheimrezept. Manche sagen, dass der Ursprung im Kloster Mosteiro dos Jerónimos liegt, wo Mönche dieses zauberhafte Gebäck bereits vor dem 18. Jahrhundert backten. Von Belém aus verbreiteten sich das sonst überall als Pastel de Nata bekannten Teilchen (Mehrzahl Pasteis sprich Paschteisch). Und die Konkurrenz ist groß! In jeder Pastelaria locken durch die Schaufenster Pasteis die Naschkatzen sie zu probieren. In 8 Tagen habe ich 4 Pasteis gegessen. Also jeden zweiten Tag. Und dieses erste war einfach das Beste und wird es immer sein!

Downtown liefen wir die steilen Straßen zum Barrio Alto hinauf (übersetzt: hoher Stadtteil), betrachteten Lissabon von oben und blickten auf das Castelo de São Jorge. Für den absolut unverschämten Preis von 3,60 € fuhr eine kleine Tram ältere, gebrechliche oder faule Touristen einen kurzen Berg hinauf und wieder hinab. Auch wenn wir gerne in einen dieser Bahnen gefahren wären, liefen wir lieber und waren innerhalb von unter 5 Minuten wieder unten. Wir warteten auf den Sonnenuntergang am Fluss, mit dem Geruch des Meeres in unserer Nase und genossen die letzten Sonnenstrahlen des Tages.

Und dann führte uns Filipe an sein Portugal heran: Der Abend begann mit einem kleinen Schluck Ginjinha, einem Kirschlikör, der aus essbaren Mini-Schoko-Tässchen geschlürft wird. Ein Getränk, das ebenfalls in Lissabon seinen Ursprung hatte und sich in Portugal verbreitete. Danach stiegen wir wieder das Barrio Alto hinauf und machten Halt an dem typischen Erasmusstudenten Treffpunkt mit einer wunderschönen Aussicht. Ach ja, da kommen Erinnerungen hoch. Durch Gässchen hindurch führte uns Filipe weiter zu einer Bar auf dem Dach eines Parkhauses, auch hier mit wunderschönem Blick auf die Stadt von oben. Wie diese Bar heißt, weiß Filipe selber nicht. Für ihn ist es einfach die Bar auf dem Parkhausdach. Ein Platz, den wir niemals ohne einen Local gefunden hätten.

Weiter ging es zum kleinen Restaurant „Taverne“, das für Filipe die besten Tapas der Stand anbietet, schon bevor andere über Tripadvisor auf dieses Schmuckstück aufmerksam wurden. Jetzt muss man am Wochenende weit auf die Straße hinaus Schlange stehen. Auch heute, an einem Mittwoch, mussten wir erst einmal draußen warten. Also reservierte Filipe kurzerhand ein Tisch für 21:30 Uhr und wir gingen erstmal Espresso trinken. Also, unser Portugiese jedenfalls. Angi passte um die Uhrzeit lieber und ich mag ja eh kein Kaffee. Fünf Tässchen Espresso pro Tag sei der Durchschnitt, berichtet Filipe. Auch gerne kurz vom Schlafen gehen. Das sei hier so üblich in Portugal. Auch in vielen kleinen Kiosks steht eine Espressomaschine bereit, und man bekommt an jeder Ecke für weniger als einen Euro ein Tässchen guten Espresso. So habe ich mir sagen lassen.

Um 21:30 Uhr aßen wir also zu Abend. Genauso wie in Spanien verlagert vor allem diese Mahlzeit auf den Abend. Ich weiß bereits seit einiger Zeit, dass was das angeht, ich wohl eine echte Spanierin und auch anscheinend Portugiesin bin. Wir traten ein und kuschelten uns zu Dritt in einen der wenigen Tische. In Portugal wird in typischen Restaurants oftmals zunächst bereits beim Hinsetzen ein Appetizer gereicht. Hier waren es Oliven und Brot, welches man in gutes (jedenfalls schmeckte es so) Olivenöl dippte. Die Kellnerin trat an unseren Tisch mit dem Menü in Form einer Schiefertafel auf portugiesisch. Obwohl sie uns die Gerichte auf Englisch nannte, konnten Angi und ich uns nur hilfesuchend an Filipe wenden. Das ging einfach zu schnell und vor allem beim Essen fehlen einem leicht die richtigen Vokabeln. Also überraschte uns Filipe mit einer Auswahl und sie war ganz und gar vorzüglich!!

Auf Angis Wunsch gab es als erstes Rochen mit grüner Soße auf durchgeweichtem Brot.  Er hatte viele Gräten, doch schmeckte erstaunlich gut und zart, doch irgendwie hatte ich ein ganz schön schlechtes Gewissen. Vier Monate zuvor tauchte ich mit Manta Rochen und jetzt esse ich einfach ihren Artgenossen. Verdammt lecker war’s trotzdem!

Und es wurde noch besser. Als nächsten Gang wählte Filipe Ziegenkäse mit Tomaten(!)marmelade und Kürbismarmelade mit Zimt. Habt ihr so etwas Verrücktes schon einmal gehört? Okay, ich hatte es schon einmal im vorherigen Beitrag erwähnt, aber es ist einfach verrückt. Angi und ich gingen völlig drauf ab und Filipe konnte unsere Begeisterung nicht verstehen. Schließlich war so etwas für ihn völlig normal! Wenn ihr mich jetzt fragen würdet, wie eine solche Tomatenmarmelade schmeckt, würde ich sagen: Kann ich nicht beschreiben. Es schmeckt eigentlich nicht wirklich nach Tomate, wobei der Geschmack stark davon abhängt, welche Marke man isst. Wir haben auf unserer Reise noch die eine oder andere probiert, doch keine schmeckte so gut, wie diese erste. Kleine rote Fäden hingen von unseren Gabeln als wir sie näher betrachteten. Die anderen sehen einer Erdbeermarmelade nicht ganz unähnlich. Rot mit kleinen Körnern – eben der Saat der Tomate. Andere sind etwas übersüßt, doch diese war einfach perfekt. Zusammen mit dem Ziegenkäse lief die Kürbismarmelade unserem Favoriten aber den Rang ab. Einfach unbeschreiblich. Herzhaft trifft süß trifft Zimt.

Als wäre das nicht schon Gaumenschmaus genug, kamen als nächstes die Muscheln. Einfach ein Teller voll mit kleinen Muscheln, die uns in grüner Süße in der schön der Knoblauch schwamm, ihre Innereien entgegenstreckten. Wir schlürften sie alle leer.

Zum Nachtisch wurde uns dann ein Schokomousse, verfeinert mit Feuerwasser in einem einem Marmeladenglas nicht unähnlichen Gefäß serviert.

So essen also diese Portugiesen! Gut, dass Lissabon so hügelig ist, sonst wären sie bestimmt alle kugelrund.

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